Fiddler´s Green auf Acoustic Pub Crawl
Tanzunterricht, Pub-Talk und andere Eskalationen
08.05.2026 [mh] Es gibt Bands, die altern wie ein guter Whiskey und dann gibt es Fiddler’s Green. Nach 35 Jahren Speedfolk wirken die Herren eher wie ein frisch gezapftes Guinness: sprudelnd, lebendig und gekrönt von einer Schaumkrone aus unerschütterlicher Spielfreude. Im Rahmen ihrer Acoustic Pub Crawl Tour verwandelte sich das Erfurter HsD am vergangenen Freitag kurzerhand in ein irisches Wohnzimmer mit Thüringer Postleitzahl.
Bevor die Speedfolk-Veteranen das Ruder übernahmen, durften Redwood ran. In einem Jahr, in dem gefühlt die halbe Szene, von In Extremo bis Versengold, gigantische Jubiläen feiert, zelebrierten die Schweizer bescheiden ihr einjähriges Bandbestehen. Zwischen bunten Luftballons, breitem Grinsen und einer charmanten Portion Lampenfieber spielten sie sich warm. Das Erfurter Publikum dankte es ihnen mit herzlichem Applaus, ersten Tanzversuchen und einer Stimmung, die schon weit vor dem Hauptact auf Betriebstemperatur war.
Als Fiddler’s Green schließlich die Bühne enterten, wurde sofort klar: „Akustisch“ bedeutet hier nicht „entspannt zurücklehnen“, sondern „Hüte festhalten, es wird trotzdem laut!“. Der Funke sprang sofort über. Es wurde getanzt, geklatscht und mitgegrölt. Die Band braucht keine Marshall-Türme, um Druck zu erzeugen, das erledigen sie mit purer Energie selbst.
Klassiker wie „A Night in Dublin“, „Bugger Off“ oder „The Jolly Beggar“ erstrahlten in einem charmant-intimen Gewand, ohne ihren typischen Drive einzubüßen. Man fühlte sich, als säße man direkt am Tresen der Temple Bar. In der kleinen Pub-Talk-Runde mit Michl im hinteren Bühnenbereich wurde dieses Gefühl für einen Moment sogar wörtliche Realität.
Ein absolutes Highlight war der Tanzunterricht mit Albi und Frank Joos. Was als spontane Idee begann, endete in einer herrlich chaotischen Mischung aus Step-Versuchen, rhythmischer Verzweiflung und purem Spaß. Wer dachte, er könne sich im Hintergrund verstecken, wurde eines Besseren belehrt. Erfurt tanzte, stolperte, lachte und meisterte die Aufgabe mit Bravour (trotz einiger Knoten in den Beinen).
Musikalisch gab es ebenfalls keine Gefangenen. Stefan lieferte bei „Walking High“ eine Waschbrett-Performance ab, die irgendwo zwischen absoluter Virtuosität und purem Wahnsinn pendelte. Präzise, wild und mitreißend. Und dann war da noch Frank, der „für den Fanclub“ ein Solo hinlegte. Minimalistisch, aber (wie er selbst sagt) mit „umfangreichen Soundbildern“.
Das Publikum zeigte sich in absoluter Bestform. Es gab Moshpits und sogar ein Crowdsurfer wurde gesichtet. Auf der Bühne zeltebrierten man intensive Bechergymnastik. Albi kommentierte trocken, er wisse zwar nicht genau, was „die Jungs da hinten“ eigentlich treiben, aber es sähe nach verdammt viel Spaß aus. Genau diese Selbstironie macht die Band seit Jahrzehnten so liebenswert.
Ein besonders schlagfertiger Moment ereignete sich bei „No More Pawn“. Albi forderte das obligatorische, laut gebrüllte „NO!“ als Antwort auf den Refrain. Erfurt lieferte. Doch als direkt danach der Text mit „Just Your Love“ weiter gesungen wurde, schallte der Band aus Gewohnheit ein donnerndes „NO!“ entgegen. Albis irritiertes „Wie bitte?“ konterte der Saal kurzerhand mit einem kollektiven, lachenden „Yesss!“.
Der Abend im HsD war eine Liebeserklärung an die Musik, die Fans und das Leben selbst. Die Erlangener bewiesen erneut, dass sie auch ohne Strom die lauteste akustische Band der Welt sind. 35 Jahre auf dem Buckel, aber kein bisschen müde, sondern hungrig auf die nächsten drei Jahrzehnte. Sláinte, Jungs! Auf euch, auf Erfurt und auf viele weitere Nächte voller Speedfolk-Magie.
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