[a]live: promotion » » 25 Jahre M’era Luna

25 Jahre M’era Luna

Schwarze Herzen, helle Sterne

10.08.2025 [sh] Es gibt Orte, die sind mehr als nur Koordinaten auf der Landkarte. Sie sind Sehnsuchtsräume, Paralleluniversen, emotionale Tankstellen und manchmal auch ein bisschen Wahnsinn mit Glitzer. Der Flugplatz Hildesheim-Drispenstedt ist so ein Ort. Und wenn sich dort einmal im Jahr 25.000 Menschen in Schwarz versammeln, um das M’era Luna zu feiern, verwandelt sich der Asphalt in einen Laufsteg, Schwarz in ein Gefühl und Musik in kollektives Herzklopfen.

2025 war kein gewöhnliches Jahr. Europas größtes Gothic-Festival feierte seinen 25. Geburtstag mit allem, was dazugehört: Konfetti, Pyrotechnik, Gänsehaut und einer Hymne, die dunkler leuchtet als jeder Vollmond. Schon sechs Monate vor Beginn war das Festival ausverkauft. Wer ein Ticket ergatterte, hielt nicht nur den Schlüssel in die schwarze Parallelwelt in der Hand, sondern auch ein Versprechen: auf drei Tage voller Klang, Kunst und Gemeinschaft.

Und ja, es war heiß. Nicht nur meteorologisch, sondern auch emotional. Die Sonne schien, als wolle sie sagen: „Ich weiß, ihr liebt die Dunkelheit – aber ein bisschen Vitamin D schadet nie.“ Zwischen Mittelaltermarkt, Workshops und Lesungen wurde geschwitzt, gelacht und gestaunt. Die Gothic Fashion Show im Hangar war ein Laufsteg der Extraklasse. Der kultige „Crypt Talk bot ein tiefgründiges Gespräch zwischen Chris Harms und Stephan Thanscheidt über die Entstehung der Hymne, die Szene und das Wesen des M’era Luna. Es war wie das Festival selbst – ehrlich, berührend, mit einem Hauch Pathos und ganz viel Liebe. Und wer sich zwischen Elfen, Steampunkern und Viktorianern verirrte, fand sich oft in tiefgründigen Gesprächen über Musik, Leben und das, was uns verbindet, wieder.

Freitag: Der Auftakt, der unter die Haut ging
Der Freitag war kein schnöder Auftakt, sondern ein schwarzes, funkelndes Statement in Lack, Leder und Liebe. Zur Feier des Jubiläums gab es einen zusätzlichen Festivaltag. Herzblut inklusive.

Bevor die Bässe die Seele massierten, vibrierte der Hangar allein durch Worte. Markus Heitz, Meister der düsteren Fantasy, ließ die Horden der Zwerge und Trolle wieder auferstehen. Dirk Bernemann schickte uns mit dem Kopf eines Wurms in die Tiefen der literarischen Abgründe. „Kunst? Fick dich!“ – ein Satz, der hängen blieb. Während man noch versuchte, das Bild aus dem Kopf zu verbannen, folgte seine Aufzählung: „Horror ist …“, ein poetischer Schlag in die Magengrube. Düster, direkt, intensiv. Christian von Aster toppte alles mit den Gothic-Chippendales, die im Altersheim für Furore sorgten und einem Oswald Henke als Peter Steele in kurz. Und dann war da noch Lukas, die launische Liebesbrieftaube, die als Friedentaube einen Pfarrer zur Weißglut trieb. Literatur, die knallt und streichelt.

Dann Gänsehaut pur. Stimmgewalt eröffneten den erstmalig initiierten dritten Festivaltag der M’era Luna-Geschichte, eine Jubiläumszugabe, die unter die Haut ging. Keine Gitarren, kein Schnickschnack, nur Stimmen, die wie Nebel über das Gelände zogen. Asp´s „ungeschickte Liebesbriefe“, “Krabat” oder The Rolling Stones “Paint it black” , alles a cappella, alles magisch. Der Mund stand offen und das Herz klopfte. Sakral, episch, wunderschön.

Lord of the Lost zogen musikalisch und pyrotechnisch anschließend alle Register. Ihre „OPVS NOIR Vol. 1“-Releaseshow war ein Feuerwerk aus Klang, Licht und Emotion. „The Love of God“, „Six Feet Underground“ und „Blood & Glitter“, jeder Song ein Donnerschlag. „Dark Heart Of The Moon“ wurde zur Hymne, „Moon Struck“ mit Stimmgewalt und Daniel Schulz zum kollektiven Gänsehautmoment. Man tanzte zwischen Staub und Flammenwänden, als wäre es Samstag. Die Bühne glühte, die Menge tobte und die M’era Luna-Magie war zum Greifen nah.

Samstag: Ein dunkler Traum mit Sonnenbrand
Der Samstagmorgen begann wie jeder gute Festivalmorgen, mit zu wenig Schlaf, zu viel Make-Up des Vortages im Gesicht und der existenziellen Frage, ob Kaffee oder Met die bessere Frühstückswahl ist. Die Sonne lachte fast schon unverschämt hell über das Flugfeld, als hätte sie vergessen, dass wir hier waren, um in Schwarz zu schwelgen, nicht in UV-Strahlen. Also Sonnencreme auf die bleiche Haut, Stiefel geschnürt und los ging’s in einen Festivaltag, der sich als musikalisches Wechselbad der Gefühle entpuppte.

Frühaufsteher konnten sich bereits am Morgen beim „Schwarzem Yoga“ auf der Landebahn für den Tag wappnen, während der Mittelaltermarkt Nachhilfe in historischen Tanzschritten bot. Musikalisch eröffnete Null Positiv den Tag mit einer Performance, die weit über bloße Musik hinausging. Sängerin Elli, wirkte wie eine dunkle Fee, ihre Stimme nicht nur kraftvoll, sondern emotional aufwühlend. Zwischen zarten Momenten und brachialer Power verzauberte sie das Publikum, ohne die Bodenhaftung zu verlieren. Chris Harms begab sich auf Solo-Mission. Mit „1980“ brachte er Synthpop auf die Club Stage und das Publikum sog jeden Ton auf. Locker, spontan, ja fast intim und als Sven Friedrich von Solar Fake dazu stieß, war die Stimmung endgültig am Siedepunkt.

Heimataerde lieferten mittelalterlich geprägten EBM, während Vanguard mit tanzbaren, melancholischen Synthiepop mit Tiefgang überzeugten. „Open Sky“ und „Ragnarok“ setzten dabei zwei absolute Höhepunkte. Bei Tanzwut hieß es sogleich Dudelsack meets Industrial und das Publikum tanzte als gäbe es kein Morgen. Ein provokantes NDH-Inferno aus Metal, Elektro und düsterer Theatralik inszenierten Ost+Front, deren Fronter Patrick Lange alias Hermann Ostfront als morbider Märchenerzähler mit Hang zum Grotesken brillierte. Die kinoreife Performance aus Blut, Sex und schwarzem Humor mag verstören, aber sie ist vor allem eines: unverwechselbar.

Stagewechsel. Chrom überzeugten mit elektronischer Eleganz und tanzbaren Beats, während Universum 25 auf der Main Stage mit ihrem Crossover aus Synth Rock, Punk und Metal den Nerv der Zeit trafen. Epische Klanglandschaften, kraftvolle Beats und sozialkritische Texte sorgten für Gänsehaut-Momente.

Faun verzauberte das M’era Luna-Publikum mit einer magischen Mischung aus mittelalterlichen Klängen, mystischer Poesie und moderner Folk-Ästhetik. Nach all den knackigen Rockklängen wirkte ihre leise, fast zärtliche Klangwelt wie ein Lavendeltee nach einem Schnaps, beruhigend, duftend, willkommen. Doch genau diese stilistische Vielfalt macht das M’era Luna aus. Gegensätze, die sich nicht widersprechen, sondern einander ergänzen.

Funker Vogt folgten und holten ihre 2024 ausgefallene Show eindrucksvoll nach. Mit neuem Fronter wurde die Bühne zum pulsierenden Schlachtfeld. Das Publikum sprang, schrie, tanzte, als wären die Songs zugleich Manifest und Marschbefehl.

Ein stilistisch vielseitiges Feuerwerk aus NDH und Synthpop kredenzte Altmeister Joachim Witt. Getragen von ikonischer Präsenz und atmosphärischer Intensität begab er sich mit Klassikern wie „Der Goldene Reiter“, „Die Flut“, „Dämon“ oder dem Duett mit Alex Wesselsky „Signale“ auf musikalische Zeitreise. Anschließend lieferte Faderhead gewohnt tanzbare Kost. Elektronisch, direkt und mit dem nötigen Schuss Düsternis. Kein Schnickschnack, dafür viel Bewegung auf und vor der Bühne.

Wenn Cellos wie Gewitterwolken klingen, episch, dramatisch und stets mit einem Hauch von Weltuntergang, dann sind Apocalyptica am Werk. Bei schönstem Sonnenuntergang entfalteten sie ihre Klanggewalt wie einen musikalischen Sturm, der sich majestätisch über das Gelände legte und das Publikum in seinen Bann zog.

Solar Fake erschufen eine elektronische Soundkulisse voller Emotionen. Sven Friedrich balancierte mühelos zwischen Melancholie und Euphorie, erzählte von Sehnsucht, inneren Abgründen und der Kraft der Musik, all das zu tragen. Ein echtes Highlight für alle, die mit Herz tanzen und mit offenen Ohren fühlen.

Mit Heilung folgte kein normales Konzert, sondern eine Offenbarung. Archaisch, hypnotisch, wie ein Ritual unter Nordlichtern. Rauch, Trommeln, Runen – ein Gesamtkunstwerk, das nicht nur gehört, sondern gefühlt wurde. Gänsehaut inklusive. Die nordischen Klangforscher verwischten die Grenzen zwischen Musik, Kunst und Spiritualität und schufen eine multisensorische Erfahrung, die lange nachhallte.

Den krönenden Abschluss lieferten Eisbrecher mit harten Gitarren und tanzbaren Beats. Mit Gästen wie Sotiria, Frank Herzig und Joachim Witt wurde die Bühne zum schwarzen All-Star-Treffen. „Kaltfront“ dominierte die Setlist, „Miststück“ verwandelte sich zur Akustikperle, und beim Finale mit „Out of the Dark“ flogen die Eisbären.

Sonntag: Zwischen Klanggewitter und Gänsehaut
Die Nacht war kurz, der Schlaf flüchtig, aber wer braucht schon Erholung, wenn die Seele tanzen will? Ein Hauch von Staub, Patchouli und Sonnencreme waberte durch die Luft, als die ersten Sonnenstrahlen über das Festivalgelände krochen. Irgendwo tickte eine unsichtbare Uhr, fast zu laut, um sie zu ignorieren. Doch noch lag ein ganzer Tag vor uns, ein schwarzer Fächer aus Musik, Magie und Momenten, die man nicht planen kann, nur erleben.

Der Morgen begann bittersüß. Beyond Border, die Newcomer Contest Gewinner, eröffneten auf der Hauptbühne und naja, wir verpassten sie. Stattdessen übernahmen Corlyx das musikalische Erwachen. Caitlin Stokes, die wie die elegante Schwester von Siouxsie Sioux wirkte, hauchte ins Micro, während Brandon Ashley die Saiten zupfte. Darkwave küsste Pop, Klang ersetzte Koffein und plötzlich war man wach.

Mit brachialer Energie stürmten Manntra die Bühne. Die Performance der Kroaten pendelte irgendwo zwischen Powermetal und Folk, zwischen Donnerhall und Melodie. Von „Titans“ bis „Ori, Ori, jeder Song ein Aufschrei, jeder Riff eine musikalische Hommage an Herkunft und Identität. Die Bühne bebte und das Publikum ebenso. Und der Barren King? Er nutzte das schwarze Meer, um auf seinem Surfbrett die Welle zu reiten.

Keine halben Sachen, nur volle Wucht, Schattenmann lieferten kompromisslos ab. Mit „Chaos“ oder „Spring“ wurde die Bühne zum energischen Schlachtfeld und das Live-Debüt „Kein Kommando“ zur kollektiven Befehlsverweigerung. Frank Herzig schrie, das Publikum schrie zurück. Die Menge formierte sich zur Armee aus Schwarz und die Musik sprach genau die Sprache, die zählt: ehrlich, laut, direkt.

Anschließend wurde es absurd und zwar auf die beste Art. Coppelius betraten die Bühne und verwandelten sie in ein viktorianisches Theater voller Wahnsinn, Charme und Kammer-Core. Klarinette traf auf Höllentöne, Bastille servierte Celloduelle und irgendwo zwischen Zylinder und Etikette fragte man sich: War das noch ein Konzert oder schon ein Kabarett? Antwort: Beides. Und genau deshalb lieben wir sie.

Melancholischen und tanzbaren Elektropop mit slowenischem Einschlag lieferten Torul an der Clubstage, während die Könige der Spielleute, Corvus Corax, die Hauptbühne in einen mittelalterlichen Marktplatz verwandelten. Ihre Musik schickte das Publikum auf eine klanggewaltige Zeitreise, begleitet von Dudelsäcken, Trommeln und den Schattenwesen der Südharzer Mythenwelt.

Verspätet, ohne Bühnenoutfit, aber mit einer Präsenz, die alles andere überstrahlte. Die französische Künstlerin Sierra Veins lieferte ein Set voller elektrischer Härte und emotionaler Tiefe. Keine Showeffekte, kein Glamour – nur pure Energie und ehrliche Emotion. Authentizität schlägt Perfektion. Energie schlägt Outfit. Und das Publikum? Ließ sich mitreißen, berühren, begeistern.

Versengold entfachten ein pulsierendes Spektakel aus Pyro, Luftschlangen und mitreißendem Mittelalter-Folk. Hüpfen, Klatschen, Winken, Gröl’n, das Publikum verwandelte sich in eine Mitmach-Maschinerie. Mit Stücken wie „Der Tag, an dem die Götter sich betranken“, „Kobold im Kopp“ und dem Statement „Braune Pfeifen“ verbanden sie Humor mit Haltung. Ein musikalisches Feuerwerk, das das M’era Luna-Jünger zum Tanzen und Mitsingen brachte.

Ein weiteres Kapitel der Tanzbarkeit wurde mit Leather Strip, Rotersand und In Strict Confidence als treibende Kräfte auf der Clubstage aufgeschlagen. Elektronisch, energetisch, ekstatisch. Der Bass kroch unter die Haut, die Beats ließen selbst die letzten müden Beine nicht stillstehen, selbst wenn man sie eigentlich schon längst nicht mehr spürte.

Lacuna Coil tauchten die Main Stage in düstere Klangwelten zwischen Melancholie und Metal-Wucht, Riffgewitter traf auf emotionale Tiefe. Cristina Scabbia und Andrea Ferro agierten wie Yin und Yang in finsterer Harmonie. Die Bühne pulsierte und der Sound durchdrang die Menge und verwandelte das Publikum zum rhythmischen Resonanzkörper.

Als Blutengel die Bühne betraten, verwandelte sich das M’era Luna in eine düstere Kathedrale. Mit Songs wie „Black“, „Lucifer“ und „Engelsblut“ öffneten sie die Tore zur Nacht. Chris Pohl inszenierte sich als finsterer Zeremonienmeister, während Ulrike Goldmann wie eine schwebende Schattenfee durch das Licht glitt. Tänzerinnen mit lasziven Gesten, nackter Haut und ekstatischen Bewegungen verschmolzen zu einem hypnotischen Spektakel, das die Sinne betörte. Als schließlich „You Walk Away“ erklang, vereinte sich das Publikum im kollektiven Tanze.

Zum Jubiläum ihres Albums „Nord Ost“ zündeten Subway to Sally ein emotionales Feuerwerk. Songs wie „Feuerland“, „Eisblumen“ und „Kleid aus Rosen“ sind längst Klassiker, die sich wie Tattoos ins schwarze Herz brannten. Die „Sieben“ ist längst mehr als eine Zahl, sie ist Mythos und „Der Schrei!“ ein kollektives Ritual. Als pinke Regenbogenperücken die Szenerie stürmen, wird Nostalgie zur Ekstase und der „Veitstanz“ zum Triumph.

Als die Sonne langsam hinter der Clubstage versank und die Nacht sich über das Festivalgelände legte, übernahmen De/Vision das Kommando. Seit über 35 Jahren stehen sie für Synthpop mit Seele und lieferten genau das, ein Set voller flirrender Synths, pulsierender Rhythmen und emotionaler Tiefe.

Und dann, die Synthie-Apokalypse in Form von And One rollte an. Die Synths peitschten, der Bass vibrierte und die Musikpolizei wachte symbolisch am Berliner Mauer-Turm. Der Platz war gefüllt, die Stimmung gespannt. Hass, Hetze, Krawall? Vergessen. Stattdessen: Musik als gemeinsames Fundament. Politisch umstritten, musikalisch unkaputtbar.

Auf dem Zeltplatz begann indessen die inoffizielle Aftershowparty. Zwischen müden Blicken und letzten Umarmungen lag eine bittersüße Absackerstimmung in der Luft. Der Tag klang nach in den Beinen, im Herzen und in den Geschichten, die wir noch lange erzählen werden. Ein Festival, das mehr ist als Musik. Es ist ein Gefühl, ein Versprechen, ein temporäres Zuhause für all jene, die sich zwischen Schwarz und Neon, zwischen Poesie und Provokation wiederfinden.

Und während die letzten Zelte zusammengefaltet werden und die ersten Autos vom Gelände rollen, lagt etwas in der Luft: Vorfreude. Auf das nächste Jahr. Auf das nächste Kapitel. Denn eines ist sicher, das M’era Luna lebt und es tanzt weiter. Bis dahin bleibt Schwarz unsere Lieblingsfarbe.

zur Galerie – Freitag

zur Galerie – Samstag

zur Galerie – Sonntag


Setze doch einen Trackback auf deine Seite.


Benutzerdefinierte Suche