ROCKHARZ 2026
04.07.2026 [de/sh] Kennt ihr diesen Moment im Jahr? Ihr fahrt in den Harz, die vertraute Silhouette der Teufelsmauer taucht am Horizont auf und plötzlich kribbelt es im Bauch. Ihr wisst genau, gleich öffnet sich das Tor zu einer ganz besonderen Welt. Es ist dieses legendäre ROCKHARZ Gefühl. Eine bedingungslose Herzlichkeit, bei der Inklusion kein Modewort ist, sondern in jeder einzelnen Faser gelebt wird. Vom ersten Schritt an fühlt es sich an, als würde euch das Festival fest umarmen. Jeder Blick, jede Begegnung macht klar, das ROCKHARZ steht für Vielfalt, Wärme und Gemeinschaft. Hier ticken die Uhren anders, familiärer, lauter, besser.
Dass der Siegeszug dieses Festivals unaufhaltsam weitergeht, überrascht niemanden. Für 2026 war das ROCKHARZ schon kurz nach dem offiziellen Verkaufsstart restlos ausverkauft. Umso schöner, dass die Organisation vor Ort wieder einmal makellos ablief. Das weiterentwickelte Anreisekonzept sorgte am Dienstag und Mittwoch für spürbare Entlastung und deutlich verkürzte Wartezeiten. Weil der Großteil der Crowd bereits am Dienstag die Zelte aufgeschlagen hatte, blickte man der am Mittwochmittag aufziehenden Gewitterfront erstaunlich gelassen entgegen. Und siehe da, pünktlich zur Infield Eröffnung hatte sich das Unwetter feige verzogen. Der Wettergott muss eben doch ein Metaller sein.
Mit dem ersten Schritt aufs Gelände wurde sofort klar, dass das Rockharz Team auch dieses Jahr wieder ordentlich nachgelegt hat. Wo im Vorjahr die neue App und das optimierte Verkehrskonzept die großen Innovationen waren, setzte 2026 direkt das nächste Ausrufezeichen. Hinter dem FOH thronte nun eine massive neue Videowand, die für scharfe Sicht bis in die allerletzten Reihen sorgte. Dazu kommt eine deutlich vergrößerte Rollibühne, ein praktisches Upgrade, das die gelebte Inklusion des Festivals noch sichtbarer macht.
ROCKHARZ Mittwoch: Schlamm adé, Pommesgabel hoch.
Das große Infield-Beben startete mit einem Programm für die nächste Generation. Die sympathischen Heavysaurus eröffneten das musikalische Treiben mit einer liebevollen, spektakulären Show aus kindgerechtem Heavy Metal. Ein absoluter Geniestreich aus harten Riffs, Urzeit-Echsen, Kaugummi und Zähneputzen. Erstmals wurde der Bereich vor dem Wellenbrecher exklusiv für Kids und Jugendliche reserviert, inklusive eingeladener Schul- und Kindergartenkinder aus der Region, die die Crowd rockten wie echte Festivalprofis. Während die Eltern entspannt von außen zusahen, sorgte Frontmann Mr. Heavysaurus mit Charme, Witz und einer Prise Metal Pädagogik für strahlende Gesichter und erklärte die klassischen Gesten für alle Altersklassen. Als das epische Jurassic Park Outro ertönte, streckten alle gemeinsam die Pommesgabel gen Himmel.
Währenddessen eröffneten die legendären Grabenschlampen den Autogrammstunden-Reigen. Die Jungs der Security-Crew sind längst Kult und eine feste Institution auf dem ROCKHARZ, mittlerweile gesegnet mit eigenem Supporter-Merch und einer stetig wachsenden Fangemeinde. Auch wir Fotografen im Graben pflegen ein zutiefst herzliches Verhältnis zu ihnen. Denn auch wenn sie manchmal groß, breit und verdammt bedrohlich wirken, im Herzen sind sie sanfte Riesen, die für jeden Spaß zu haben sind. Mit Argusaugen haben sie die Crowd immer im Blick, um die im Sekundentakt einfliegenden Crowdsurfer jederzeit sanft abzufangen und sicher wieder auf die Beine zu stellen. Ein unschlagbares Team, ohne dass das Festival nicht dasselbe wäre.
Nach den Dinos und dem ersten Graben-Kuscheln ging es direkt weiter mit ordentlich Industrial Power. Soulbound legten los, und das Infield war für die frühe Uhrzeit bereits beeindruckend voll. Ihre Mischung aus harten Riffs, treibenden Synthies und markanten Hooks heizte der Menge ordentlich ein, auch wenn soundtechnisch gern noch ein Schippchen mehr Lautstärke drin gewesen wäre. Besonders stark war ihr emotionales Statement zu psychischen Erkrankungen: „Das ist keine Randgeschichte“. Ein Satz, der hängen blieb und mit dem Song „Insane“ ein musikalisches Ausrufezeichen bekam. Mit „Heartless“ zeigten sie ihre ruhige, kraftvolle Seite, bevor die Bielefelder zum Finale fünf Extra Minuten drauflegten und das Set in einem kollektiven Headbang Moment bei „Alive“ endete.
Die Stimmung schlug um, als Harakiri for the Sky wie skandinavische Urgewalten in den sonnigen Nachmittag brachen. Sie ließen „Calling the Rain“ schwarz, schwer und doch hypnotisch über das Gelände rollen. Der melodische Gitarrensound, getragen von warmen Synths, traf direkt ins Herz und füllte die Luft mit bittersüßer Melancholie. Gitarrist M.S. Sollack spielte so tiefenentspannt und zugleich emotional aufgeladen, dass man sich seinem Bann unmöglich entziehen konnte. Ein Auftritt, der intensiv nachhallte und die Menge für einen kurzen Moment vollkommen still werden ließ.
Doch Zeit zum Durchatmen blieb nicht, denn es ging von der Melancholie direkt in die pure Eskalation. Die schwedischen Thrash-Ikonen von The Haunted fackelten nicht lange und rissen das Publikum mit einem Gewitter aus brutalen Riffs und rasenden Shouts mitten in den ersten fetten Moshpit des Tages. Man musste kein Wort verstehen, um die rohe Energie dieser skandinavischen Breitseite blind zu fühlen.
Nahtlos ging die epische Metal-Reise mit Ensiferum weiter. Die finnischen Viking-Folk-Metaller entführten die feiernde Menge bei gefühlten Tropentemperaturen direkt auf ihr Wikingerschiff Richtung Odins Reich. Während Kracher wie „Token of Time“ das Infield zum Kochen brachten und „One More Magic Potion“ die perfekte Hymne für die Bier- und Met-Jünger lieferte, gab es vor der Bühne kein Halten mehr. Angetrieben von der absolut ansteckenden Euphorie und der puren Lebensfreude von Bassisten-Sonnenschein Sami Hinkka, der kurzerhand selbst von der Bühne sprang, entfesselte die Menge bei den treibenden Doublebass-Wänden eine Welle der Begeisterung. Spätestens beim Klassiker „La La Hei“ brachen alle Dämme, als die Crowdsurfer im Sekundentakt auf Händen getragen dem Sonnenuntergang entgegenschwebten. Ein hochemotionaler Abriss voller purer Energie und kollektiver Ekstase.
Paradise Lost tauchten die Bühne in die goldene Stunde und ließen den Moment sofort magisch wirken. Ja, ich bleibe parteiisch, denn diese Band trifft mich einfach immer mitten ins Herz. „Serpent on the Cross“ schickte unermüdlich Crowdsurfer in die Abendsonne, während Klassiker wie „One Second“ und „The Last Time“ die Menge lautstark vereinten. Nick Holmes strahlte vor guter Laune und Greg Mackintosh sorgte mit seinem unverwechselbaren Gitarrensound für pure Gänsehaut. Als „Smalltown Boy“ niemanden mehr stillstehen ließ und „Ghosts“ sowie „Silence Like The Grave“ uns erschöpft und glücklich in die Nacht entließen, blieb dieses tiefe Gefühl zurück, das nur eine Band auslösen kann, die man seit Jahren liebt.
Die Black Label Society fegte den düsteren Gothic-Metal im Anschluss im Handumdrehen hinweg. Sie ersetzten ihn durch eine Lawine aus Marshall-Amps, die wie ein Monument aus Stahl und Strom über dem Infield thronte. Zakk Wylde stand im Zentrum dieser Urgewalt, ein Berserker an der Gitarre, der tiefgestimmte Riffs wie Donnerschläge und Soli wie aufheulende Sturmspitzen von der Bühne feuerte. Seine Präsenz war mehr als beeindruckend. Und dann kam dieser eine Augenblick, der die Zeit für einen Moment anhielt: „No More Tears“. Eine wunderschöne Hommage an Ozzy Osbourne, Zakks langjährigen Freund und Weggefährten. Das Licht war perfekt, die Menge kurz starr vor Ehrfurcht und die Musik klang warm und kraftvoll zugleich. Ein Moment, der sich wie ein leuchtender Faden intensiv, persönlich, unvergesslich durch das ganze Set zog.
Als absoluter Headliner des Abends feierten Helloween mit einem gewaltigen Knall ihr 40-jähriges Bühnenjubiläum und gleichzeitig ihr heiß ersehntes ROCKHARZ-Debüt. Die legendären „Kürbisköpfe“ brannten ein visuelles und musikalisches Power-Metal-Best-of-Feuerwerk ab, das durch eine gigantische LED-Videowand und eine Zeitreise durch ihre gesamte Album-Historie untermalt wurde. Bei Klassikern wie „Future World“ verwandelte sich das Infield in einen riesigen Chor, während die Stimmen von Michael Kiske und Andi Deris perfekt miteinander harmonierten und die Gitarren glänzten. Um der einsetzenden Harzer Nachtkühle zu trotzen, heizte zudem so viel echtes Bühnenfeuerwerk die Menge auf, dass garantiert niemand frierend in seinen Schlafsack kriechen musste.
Wer nach dieser Rock Urgewalt immer noch überschüssige Energie in den Knochen hatte, wurde von Steve ’n’ Seagulls mit dem perfekten musikalischen Absacker belohnt. Die finnischen Folkrocker verwandelten das Gelände in eine letzte, ausgelassene Tanzfläche und jagten den verbliebenen Nachteulen ihre herrlich schrägen Bluegrass und Fun Cover von Iron Maiden und anderen Metal Giganten um die Ohren. Akkordeon, Banjo, eine gehörige Portion Humor und ein unerschütterlicher Sinn für Party, ein grandioses Tagesfinale, das gleichzeitig zum Lachen, Mitsingen und Weiterfeiern animierte und diesen ersten Festivaltag perfekt abrundete.
ROCKHARZ Donnerstag: Zwischen Doublebass, Dorffest und einer gehörigen Portion Rückenwind
Der zweite Morgen erwachte noch etwas verhalten, begleitet von einem feinen Nieselregen, der die Zeltdächer sanft wachklopfte. Doch wer die Harzer Wetterdynamik kennt, weiß: Das bleibt nicht lange so. Kaum war die Müdigkeit aus den Knochen geschüttelt, zeigte der Wind seine ganze Energie und fegte die Wolken wie ein übermotivierter Stagehand beiseite. Was folgte, war ein wildes Wechselspiel aus praller Sonne, kräftigen Böen und bedrohlich vorbeiziehenden Wolkenfronten.
Während die wetterfesten RHZ Runners sportlich ihre Runden drehten und andere zur sagenumwobenen Teufelsmauer pilgerten, vertrieb das wärmende Licht auf dem Infield die letzten Schlafsand-Reste. Das Wetter erwies sich einmal mehr als erfrischend unberechenbare Kulisse. Perfekt also für einen Festivaltag, der musikalisch von brutalem Death Metal bis hin zu schamlosem Party-Mittelalter absolut alles im Gepäck hatte.
Den musikalischen Auftakt des zweiten Festivaltages übernahmen Final Cry. Mit Sänger Kai stand ausgerechnet der Mann an der Front, der das ROCKHARZ sonst hinter den Kulissen als Pressesprecher und Medienbeauftragter mitgestaltet. Seine Stimme war nach der intensiven Aufbauwoche zwar hörbar angeschlagen, doch die Band legte dafür umso leidenschaftlicher los und schob eine wuchtige Thrash Death Metal Walze über das bereits beeindruckend gefüllte Infield. Glühende Gitarren, donnernde Doublebass Salven und dieses vertraute Rockharz Gefühl machten den Auftritt zu einem frühen Highlight.
Bildgewaltige Schützenhilfe gab es dabei von unseren absolut heißgeliebten Grabenschlampen (an dieser Stelle ein riesiges Dankeschön für euren unermüdlichen Knochenjob). Ein klitzekleiner, augenzwinkernder Gruß ging dabei natürlich auch an Chefsecurity Markus, kleine freundschaftliche Fehden muss man schließlich pflegen. Final Cry setzten zudem ein starkes Zeichen der Solidarität. Sämtliche Merch Einnahmen gingen an das vom Wasserschaden schwer getroffene Label Hot Shot Records. Und als Einlösung eines alten Versprechens durften alle Fotografen das komplette Set über im Graben bleiben, eine Geste, die perfekt zum familiären Geist des Festivals passte. Nach 37 Jahren Bandgeschichte feierten Final Cry damit ihre längst überfällige Rockharz Premiere
Kaum war der erste Kaffee verdaut, wurde es bunt. Die Habenichtse brachten ihren herrlich albernen Mittelalter-Klamauk auf die Bühne. Ronja am Akkordeon riss die Menge im Handumdrehen mit und sorgte mit ihren Mitmach-Aktionen für absolute Lachflashs. Spätestens bei „Urlaub im Mittelalter“ verwandelte sich das Infield in ein einziges Tanzmeer. Die legendäre „Schorle Of Death“ hatte gerufen, und das Publikum folgte scharenweise. Mit ehrlichen Mitmachersongs wie „Flaschenkind“ bewiesen die Hannoveraner einmal mehr, dass man sich selbst am besten nicht zu ernst nimmt.
Ohne Atempause ging es weiter im Mittelalter-Universum, allerdings mit einem modernen Twist. Mittel Alta traten den Beweis an, dass Hip-Hop-Beats, Rap und Mittelalter-Instrumente hervorragend harmonieren. Sie verwandelten das Infield kurzerhand in ein tobendes Dorffest. Ihr Set startete direkt mit einem amtlichen Circle Pit, während ein Harlekin und ein Mönch über die Bühne sprinteten, als hätten sie Energydrinks intravenös konsumiert. „Der gelbe Schein“ wurde wie eine Reliquie gefeiert, und bei „Der Chef ist tot“ zeigte die Truppe ihr wunderbar zynisches Verhältnis zur klassischen Lohnarbeit. Mittelalter kann eben so viel mehr als nur Dudelsack.
Nach all dem bunten Mittelaltertreiben folgte ein maximaler Stilbruch. Mit Hagane betrat japanischer „Stahl“ die Bühne, allerdings nicht in Form eines Schwertes, sondern als Power Metal Gewitter direkt aus Tokio. Die vier Musikerinnen feierten ihr Deutschland Debüt und standen in strahlend bunten Samurai Gewändern da, als wären sie einem Anime entsprungen. Die anfängliche Nervosität war ihnen anzusehen, doch sobald die ersten Riffs losbrachen, zeigte sich einmal mehr, dass Musik keine Übersetzung braucht. Der druckvolle Bass und Nagis klarer, energiegeladener Gesang ließen das Infield beben und verwandelten die Szenerie in ein farbenfrohes Fantasy Epos. Hagane brachten eine unverwechselbare Mischung aus Freundlichkeit, Power und fernöstlicher Magie mit, die das Rockharz um eine völlig neue Facette bereicherte.
Aus dieser farbenprächtigen Fantasy-Welt krachte das Programm direkt wieder in die Dunkelheit. Stahlmann übernahmen und zogen das Gelände zurück in düstere Sphären. Ganz in Schwarz marschierte die NDH-Fraktion aus Göttingen auf und lieferte mit „Adrenalin“ die erste Feuershow des Tages, soweit es die strammen Windböen zuließen. Die Flammen schossen empor, die Riffs knallten trocken, und bei „Hass mich“ verwandelte sich das Infield in einen vieltausendköpfigen Chor, der selbst das brausende Wetter mühelos übertönte.
Sagenbringer entführten uns im Anschluss mit nostalgischer Wärme in ihre norddeutsche Mythenwelt. Der Harzer Wind spielte hier den perfekten Statisten und trug die Melodien von „Walpurgisnacht“, „Metdrache“ und „Blutmarsch“ weit über das Gelände bis an den Waldrand. Die Menge schunkelte, lauschte und verlor sich in den Geschichten. Ein leiser, wehmütiger Unterton schwang mit, da es einer ihrer letzten ganz großen Auftritte gewesen sein könnte. Doch mit den „Reitern Rohans“ gab die Band einen kraftvollen Ausblick auf die kommende EP, ein emotionaler Moment, der sich wie der Beginn eines neuen Kapitels anfühlte.
Was danach folgte, hinterließ gemischte Gefühle. Die italienische Formation DOGMA betrat im sexy Nonnen-Look die Bühne. Das Konzept aus optischer Provokation wirkte leider schnell aufgesetzt, das spürbar mehr auf der Freizügigkeit als auf dem tatsächlichen musikalischen Können lag. Auch stimmlich sprang der Funke bei mir einfach nicht über, doch das ist am Ende natürlich reine Geschmackssache. Zwar gewann die Sängerin das Publikum mit deutschen Animationsversuchen, doch ihr „Like A Prayer“-Cover fühlte sich eher bemüht an und tat weder der Band noch Madonna einen Gefallen. Am Ende blieb bei mir der Eindruck einer billig wirkenden Inszenierung, die all den echten Vollblutmusikerinnen da draußen nicht gerecht wird. Schade, denn hinter der Idee hätte theoretisch viel mehr stecken können als nur Schein statt Sein.
Zum Glück folgte mit Warmen die perfekte Dosis musikalische Ehrlichkeit. Die finnischen Sympathieträger wirkten fast überwältigt von der Kulisse, schließlich war dies ihr bislang größter Auftritt außerhalb der Heimat. Die Formation um Keyboard-Virtuose Janne „Warman“ Wirman und Ensiferum-Frontmann Petri Lindroos lieferte melodischen Death- und Power-Metal, der tief unter die Haut ging. Der Doublebass rollte wie ein Teppich aus purem Adrenalin über das Infield, während die Band mit spürbarer Spielfreude ein breites Grinsen in die Gesichter zauberte.
Wer es noch eine Spur düsterer brauchte, kam direkt danach auf seine Kosten. Die polnischen Death-Metal-Schwergewichte von Decapitated rollten wie eine Dampfwalze über das Infield. Messerscharfe Riffs und ein mörderischer Groove entfachten sofort wilde Circle Pits und schickten unzählige Crowdsurfer auf Reise. Selbst das Wetter schien mitzuspielen. Der Wind frischte auf, dunkle Wolken zogen heran, und plötzlich passte die Atmosphäre perfekt zu diesem kompromisslosen, düsteren Soundgewitter.
Mit Betontod wurde es anschließend endgültig stürmisch. Sirenen hallten über den Platz, „Zeig dich!“ mobilisierte die Massen, und überall schwenkten die Fans trotzig ihre Flaggen. Pünktlich zum Set setzte zwar der Regen wieder ein, doch die Rheinberger Punkrocker dachten nicht im Traum daran, sich davon bremsen zu lassen. „Ich nehme dich mit“, liebevoll an Nenas Klassiker angelehnt, zeigte einmal mehr, wie viel Spielfreude und Herz nach all den Jahren noch in dieser Band steckt. Die Crowd sang, tanzte, schunkelte und der Regenschauer war plötzlich nur noch eine Randnotiz.
Fast nahtlos ging es danach weiter mit einem echten Oldschool Gewitter. Agnostic Front aus New York betraten die Bühne, stilecht eingeleitet von Frank Sinatras „New York, New York“. Kaum standen Vinnie Stigma und Roger Miret am Mikrofon, brachen alle Dämme. Jahrzehnte Bühnenerfahrung hatten ihnen eher Energie geschenkt als genommen. Pits rotierten, Hardcore-Power lag in der Luft, und selbst die Unwetterwolken schienen vor diesen Riffs zu fliehen. Ein staunendes Publikum blieb zurück, wissend, warum diese Legenden seit den Achtzigern unerschütterlich sind. Eigentlich wäre nun Hämatom dran gewesen, doch Dominum rückten vor, begleitet von kräftigem Wind und jagenden Wolken. Der Regen blieb zum Glück aus, dafür musste die Pyro nach dem ersten Feuer aus Sicherheitsgründen eingestellt werden. Dominum brauchten allerdings ohnehin kein Flammenspektakel. Ihr tief wummernder Bass ließ das Infield vibrieren, als würde der Boden selbst tanzen. Sänger Felix Heldt scharte seine Zombie Gefolgschaft um sich und dirigierte das Publikum mit einer Mischung aus eindringlicher Bestimmtheit und höflichem Charme, der erstaunlich gut funktionierte. Als Belohnung gab es ein herrlich hartes „Thriller“-Cover, das perfekt zu ihrer untoten Ästhetik passte.
Direkt danach übernahmen Avatar das Ruder und verwandelten den Abend in ein visuelles wie musikalisches Gesamtkunstwerk. Die Göteborger legten los, als hätte sie die Dämmerung höchstselbst bestellt. Frontmann Johannes Eckerström, der an diesem Tag auch noch Geburtstag feierte, zog das Publikum allein mit seiner ausdrucksstarken Mimik in den Bann. Der erste Song verband klaren Gesang mit schweren Gitarrenwänden, bevor die Härte mit Growls, virtuosen Soli und einem Rhythmus losbrach, der trotz aller Wucht erstaunlich tanzbar blieb. Spätestens beim vierten Song brachte die Doublebass die Mägen erneut zum Rotieren, während die Lichtshow rund um das ikonische Avatar Logo die Bühne in ein Kunstwerk verwandelte. Ein Auftritt, der packte, überraschte und in der Abendluft nachhallte und für mich die stärkste Performance dieses Festivaltages.
Als krönender Headliner bat eine lebende Legende zur Audienz, der Schock-Rock-König Alice Cooper. Es folgte kein überladenes Spektakel, sondern setzte den Fokus auf das Wesentliche, eine großartige Band, gewaltige Videowand und die unnachahmliche Präsenz des Meisters. Zugegeben, im direkten Vergleich zur visuellen und akustischen Urgewalt von Avatar wirkte der Sound anfangs etwas leiser und das Bühnenbild düsterer, was aber natürlich auch an einem vom langen, windigen Festivaltag bereits etwas benebelten Kopf gelegen haben mag. Was folgte, war eine routinierte, bodenständige und extrem spielfreudige Show. Der Altrocker zeigte eindrucksvoll, wer hier immer noch die Fäden in der Hand hält: Mit Klassikern wie „No More Mr. Nice Guy“, „Dirty Diamonds“, „Hey Stoopid“, „Feed My Frankenstein“ und natürlich der ultimativen Hymne „Poison“ lieferte er das komplette Wohlfühlpaket mit absoluter Textsicherheitsgarantie im gesamten Infield. Gruselig gut und absolut zeitlos.
Als finaler Absacker folgte schließlich der verschobene Auftritt von Hämatom. Mit NDH, Punk, Metal und beeindruckender Pyro sorgten sie um Mitternacht noch einmal für mächtig Bewegung. Ein würdiger Schlusspunkt unter diesen abwechslungsreichen Donnerstag.
Zwischen Hawaiihemden, Headbangern und Harzer Wind – Der Freaky-Freitag.
Der dritte Tag auf dem heiligen Acker von Ballenstedt fühlte sich ein bisschen an wie eine wilde Achterbahnfahrt mit kaputtem Sicherheitsbügel. Man wusste nicht genau, was als Nächstes passiert, aber man wollte auf keinen Fall aussteigen. Eine kostenlose Neusortierung der Organe gab es obendrauf. Bei den meisten Bands drängte sich der Bass so ungeniert in den Vordergrund, dass einem die Socken im Stiefel vibrierten. Ob das nun an den Tontechnikern lag oder am stürmischen Harzer Wind, der den Sound sprichwörtlich über den Acker peitschte war am Ende egal. Wer sich clever seitlich der Bühne positionierte, bekam die perfekte Dosis Druck direkt um die Ohren geknallt.
Den Auftakt übernahmen Rodeo 5000 mit einer herrlich schrägen Mischung aus Country, Folk und Rock’n’Roll. Bereits bei „Splitternackt im Pickup Truck“ wurde lautstark über einen neuen ROCKHARZ-Nacktheitsrekord diskutiert, während die ersten Shirts durch die Morgenluft segelten. Haggefugg übernahmen anschließend mit Dudelsack, donnernden Riffs und mittelalterlicher Spielfreude. Die passenden Goldtaler regnete es bei „Robin Hood“, ehe Motorjesus endgültig das Gaspedal auf der Bühne durchtraten. Mit mächtigen Riffs und jeder Menge Druck machten sie unmissverständlich klar, dass der Freitag nun endgültig auf Betriebstemperatur angekommen war.
Nach dem erdigen Hardrock öffneten Cypecore die Tore zu ihrer düsteren Zukunftsvision. Mit martialischen Outfits, messerscharfen Gitarren, donnernder Doublebass und tiefen Growls wirkten die Mannheimer wie direkt einem dystopischen Science-Fiction-Film entsprungen. Wuchtig, modern und bildgewaltig, genau die richtige Portion Endzeitstimmung.
Ein echtes Highlight folgte mit Hiraes. Nachdem Frontfrau Britta Görtz im vergangenen Jahr noch kurzfristig für Heaven Shall Burn eingesprungen war, gehörte die Bühne diesmal ganz ihrer eigenen Band. Mit enormer Präsenz und dem Wechsel zwischen brutalen Growls und melodischen Passagen riss sie das Publikum sofort mit. Den Gänsehautmoment des Auftritts lieferten Britta und Gitarrist Olli, als beide kurzerhand mitten in die Menge sprangen und sich höchstpersönlich zum Auge eines rasenden Circle Pits machten. Unsere Grabenschlampen hatten dadurch zwar kurzfristig alle Hände voll zu tun, doch genau diese Nähe zur Crowd machte den Auftritt so besonders und jeden Schweißtropfen wert.
Unter dunklen Wolken luden Gothminister mit treibenden EBM-Beats, fetten Gitarren und atmosphärischen Streichern zum Tanzen ein, bevor Walls Of Jericho die Stimmung schlagartig in einen blanken Ausnahmezustand verwandelten. Candace Kucsulain growlte sich mit beeindruckender Intensität durch das Set, während sich das Infield in einen einzigen Moshpit verwandelte. Selbst ein einsamer Minion rannte tapfer um sein gelbes Leben, ehe die Band den kompromisslosen Abriss mit einem überraschend höflichen „Thank you“ beendete.
Nach dem heilsamen Wutanfall brachten Fiddler’s Green die pure Lebensfreude zurück auf den Acker. Bereits nach wenigen Minuten schwebten die ersten Crowdsurfer über die Menge und spätestens bei „Bella Ciao“ hatte die Band das komplette Infield fest im Griff. Direkt im Anschluss übernahmen Die Apokalyptischen Reiter das Ruder. Das Gelände platzte aus allen Nähten, Crowdsurfer glitten wie kleine Boote über das Menschenmeer und Daniel „Fuchs“ Täumel wechselte scheinbar mühelos zwischen Kapitän, Prediger und Geschichtenerzähler. Ein Auftritt voller Euphorie, dem sich kaum jemand entziehen konnte.
Biohazard stiegen stilecht zum legendären Rocky-Intro in den musikalischen Ring. Möge der Schlagabtausch beginnen. Die Hardcore-Crossover-Legenden machten von der ersten Sekunde an keine Gefangenen. Druckvolle, peitschende Riffs und aggressive Energie trafen auf eine Crowd, die sich dem wütenden Gesang nur zu gerne unterwarf. Ein echter Hardcore-Fight nach Punkten, den letztlich alle Beteiligten gewannen.
Was P.O.D. ablieferten, war der absolute Abriss und einer der emotionalsten Höhepunkte des Tages. Die Nu-Metal-Ikonen rund um Energiebündel Paul „Sonny“ Sandoval krachten mit dem Opener Boom auf die Bühne und machten sofort klar, wer hier das Sagen hat. Sandoval fegte wie ein Derwisch über die Bretter und züchtigte den Bühnenboden derart mit seinem Mikrofonkabel, dass man Angst um die Statik haben musste. Von der Wall of Death bis zum staubigen Circle Pit war alles dabei. Ein geniales Beatles-Cover von Don’t Let Me Down bewies eindrucksvoll, wie gut Metal und Pop-Klassiker harmonieren, bevor das komplette Infield in ohrenbetäubende „Olé, Olé – P.O.D.“-Chöre ausbrach und selbst die Band sichtlich gerührt zurückließ. Bei den finalen Hymnen Youth of the Nation und Alive verwandelte sich der Platz in ein wiegendes Meer aus tausenden Händen. Ein emotionales Feuerwerk und eine so sympathische Band, die spürbar mit der Crowd verschmolz und für Gänsehaut vom Allerfeinsten sorgte.
Subway to Sally verwandelten den Abend in ein großes, schwarzes Familientreffen, das vom ersten Ton an unter die Haut ging. Zwischen „Eisblumen“ und „Kleid aus Rosen“ tanzte sogar unsere unerschütterliche Metal-Oma Edelgard, die einmal mehr bewies, dass Leidenschaft für Musik kein Alter kennt. Ein Meer aus Händen, ein tobender Eisblumen-Chor und das kraftvolle Medley alter Klassiker ließen das Infield beben. Als „Julia und die Räuber“ schließlich den Sturm davontrug, verabschiedeten sich die Potsdamer und ließen eine beseelte Crowd im Sonnenuntergang zurück.
Anschließend zündeten Airbourne ein wahres Rock’n’Roll-Beben, das selbst den letzten Festivalmuffel aus den Zelten riss. Joel O’Keeffe sprang wie ein Besessener über die Bühne, ließ die Sirenen heulen und stürzte sich mit nacktem Oberkörper in sein traditionelles Bierbad mitten in der johlenden Menge. Diese rohe, ungebremste Energie, gepaart mit seiner unglaublichen Stimme, machte den Auftritt zu einem einzigen, mitreißenden Ausnahmezustand. Das Infield war knüppeldickevoll, überall wurde getanzt, gegrölt und gelebt. So einfach, so laut, so verdammt echt kann handgemacher Hardrock sein.
Den brachialen Schlusspunkt setzten Kreator, der sich wie ein Donnerschlag über das Infield legte. Egal was Mille Petrozza einforderte, ob Wall of Death, endlose Crowdsurfer oder puren Thrash-Wahnsinn, die Rockharz-Familie lieferte ohne Zögern. Als Britta Görtz für „Tränenpalast“ die Bühne betrat, schoss die Energie noch einmal spürbar nach oben, und bei „Endless Pain“ lagen sich Oldschool-Metaller in den Armen, während die Nacken im Takt brannten. Der finale Abriss zu „Pleasure to Kill“ fraß die letzten Reserven aus jedem Muskel, aber niemand wollte diesen Moment verpassen.
Und wer danach tatsächlich noch stehen konnte, wurde vom Saint City Orchestra in einen völlig anderen, aber ebenso mitreißenden Strudel gezogen. Ihr Irish-Folk-Rock ließ die letzten Kraftfunken aufflammen, und spätestens bei „Rose Tattoo“ tanzte das gesamte Feld ein letztes Mal ausgelassen in die Nacht hinein. Am Ende brannten die Muskeln, die Stimmen waren heiser, doch das Herz war leicht.
Das ROCKHARZ Finale: Wenn Zuhause plötzlich vier Tage dauert
Tage voller Metal, Staub, Schweiß, Sonnencreme, Pommes, Bier und Freundschaften liegen hinter uns, Momente, die man in keine normale Zeitrechnung pressen kann. Und dann ist er plötzlich da, dieser Morgen, den eigentlich niemand erleben möchte, der letzte Festivaltag. Man öffnet den Reißverschluss des Zeltes, blinzelt in die Sonne und spürt sofort, dass das ROCKHARZ-Familientreffen auf die Zielgerade einbiegt. Noch einmal zieht man über den Platz, grüßt die Nachbarn, die längst zu Freunden geworden sind, und atmet dieses unverwechselbare ROCKHARZ-Gefühl ein. Niemand hat es eilig, und doch versucht jeder, jede einzelne Minute aufzusaugen. Bevor jedoch auch nur ein Hauch von Abschied aufkommen konnte, hatte der Samstag noch einige Highlights im Gepäck.
Pinehead eröffneten den letzten Tag mit einer Mischung aus sphärischen Klangwelten, düsteren Gitarren und Ilja John Lappins markanten Vocals, die zwischen Melodie und kraftvollen Growls pendelten und das Publikum sofort in ihre Klangwelt zogen.
Einen völlig anderen Akzent setzten Drone. Erst wurde noch liebevoll Werbung für den legendären Käsedöner Stand gemacht, bevor Fronter Mutz und seine Mannen mit einer Energie loslegten, die das Publikum förmlich überrollte. Rennend, springend, grinsend und sympathisch-pöbelnd rissen sie die Menge mit, während wie von selbst die ersten Circle Pits entstanden. Zwischen trockenem Humor über Saufen, Crack rauchen und typisches Festivalchaos präsentierten sie mit „Blood Red Sun“ einen neuen Song, der erstaunlich souverän performt wurde. Die Crowd feierte jede Sekunde, und Mutz schien gar nicht mehr von der Bühne wegzuwollen, bis er am Ende tatsächlich von den Grabenschlampen heruntergetragen wurde.
Mit wehenden Mähnen, engen Lederhosen und purem Heavy Metal Spirit luden Tailgunner anschließend auf eine Zeitreise in die Achtziger ein und zauberten den Fans ein nostalgisches Grinsen ins Gesicht. Ihr ehrlicher, unverfälschter Traditional Metal erinnerte eindrucksvoll daran, warum man diese Platten früher rauf und runter gehört hat. Ein kurzer, herrlich authentischer Ausflug in die Vergangenheit. Diesem folgten die Urgewalten Necrotted, welche die Death Metal Fraktion mit voller Wucht bedienten und die Familienband Tungsten, bei der Vater Anders Johansson am Schlagzeug sichtlich stolz den Takt für seine Söhne vorgab.
Ein echtes Ausrufezeichen setzte das brasilianische Quartett Crypta. Fernanda Liras Bass vibrierte durch die Menge und ihr kompromissloser Death Metal zeigte eindrucksvoll, wie selbstverständlich diese Frauen ihr Genre beherrschen. Direkt danach lieferten Artillery geradlinigen, technisch makellosen Thrash Metal mit jahrzehntelanger Erfahrung, während Majestica mit Symphonic-Power-Metal und großen Harmonien den Platz für Licht und Magie öffneten.
Modern und energiegeladen ging es mit Annisokay weiter, die ihr quasi-Heimspiel aus dem nahen Halle voll auskosteten. Schon bei „Calamity“ vibrierte der Boden, bevor Shouter Rudi Schwarzer bei „STFU“ das Mikrofon packte und kurzerhand mitten ins Getümmel sprang, um mit den Crowdsurfern baden zu gehen. Direkt danach verwandelten Finntroll das Infield in eine nordische Trollhöhle. Ihr einzigartiger Mix aus Black Metal, Folk und rasendem Polka-Takt brachte die Menge zum Kochen. Fliegende Haare, Crowdsurfer am Laufband und tanzende Fans wie bei einer wilden Stammesversammlung. Selbst die Kolleginnen von Crypta hielt es nicht im Backstage. Nach dieser Naturgewalt lieferte Danko Jones angenehm geradlinigen Hardrock mit einer Prise Punk und eingängigen Riffs, getragen von einem satten Bassfundament, das der Crowd als spürbare Magengruben-Massage ordentlich einheizte.
Schon lange vor ihrem Auftritt glich das Infield einem freudestrahlenden Hexenkessel, denn wenn die Queen of Metal, Doro, ruft, pilgern Generationen zur Bühne. Mit „Earthshaker Rock“ zündete sie sofort den Turbo und verwandelte das Gelände in ein Meer aus fliegenden Haaren, Kutten und geballten Fäusten. Ob Klassiker wie „Burning The Witches“, die Gänsehaut-Ballade „Deep Inside My Heart“ oder der legendäre Chor bei „All We Are“: Doro strahlte, als hätte man ihr gerade zum ersten Mal die Schlüssel zur Rock-Hölle überreicht. Ihre unerschütterliche Dankbarkeit macht sie nicht nur zur Metal-Ikone, sondern zum wahren Herz dieser Szene.
Kaum war das Publikum wieder zu Atem gekommen, fegten Knorkator jede Spur von Ernsthaftigkeit vom Platz. Sie verwandelten die Bühne in ein liebevoll-chaotisches Paralleluniversum, in dem Fotografen erst herangelockt, dann halb verprügelt und anschließend wieder hinauskomplimentiert wurden, während Bälle durch die Menge flogen und Double Crowdsurfer die Physik herausforderten. Doch zwischen all dem herrlichen Irrsinn zeigte Deutschlands meiste Band ihre menschliche Seite. Stumpen würdigte die ROCKHARZ Ehe von Dani und Buddy und machte deutlich, dass dieses Festival weit mehr ist als vier Tage Musik. Hier entstehen Freundschaften, Familien und manchmal sogar Ehen. Die feierliche Übergabe des „Alten Mannes“ an die nächste Generation wirkte wie ein schräger, aber rührender Moment mitten im Knorkator Wahnsinn, bevor „Wir werden alle sterben“ fröhlich wie ein Gute Laune Mantra mitgegrölt wurde. Als zum Abschluss die Kinder aus der ersten Reihe die Bühne bei „Zähneputzen, pullern und ab ins Bett“ in einen überdimensionalen Spielplatz verwandelten, wurde klar, warum Knorkator keine gewöhnliche Band ist. Sie schaffen das Unmögliche, gleichzeitig völlig durchgeknallt, zutiefst herzlich und unfassbar knorke zu sein.
Direkt nach diesem bunten Wahnsinn legte sich mit Emperor eine schwarze, majestätische Klangwolke über das Infield. Ihsahn zelebrierte Symphonic Black Metal in seiner erhabensten Form, bevor die Bühne jenen gehörte, die das Festival überhaupt erst möglich machen, der Crew. Es wurde applaudiert, gelacht und ein wenig geweint, während Mike für zehn Jahre ROCKHARZ geehrt und Metal.de zum 30. Geburtstag gratuliert wurde. Ein Moment, der einmal mehr zeigte, dass dieses Festival nicht nur aus Bands besteht, sondern aus einer großen, leicht verrückten Metalfamilie.
Anschließend verwandelten Feuerschwanz den Flugplatz mit Dudelsäcken, Geigen, Feuer und unbändiger Feierlaune in ein gigantisches mittelalterliches Spectaculum, bei dem niemand ans Schlafengehen dachte. Von „Untod im Drachenboot“ über „Knightclub“, „Memento Mori“ bis hin zu „Dragostea Din Tei“ wurde getanzt, gesungen und gelacht, bevor sich bei „Name der Rose“ ein Meer aus Handylichtern über das Infield legte. Spätestens als Doro zu „Valhalla“ noch einmal auf die Bühne kam, lief selbst den härtesten Metalheads die Gänsehaut über den Rücken und jeder wusste, dass diese letzte Nacht etwas Besonderes war.
Den finalen musikalischen Schlusspunkt setzten Soen, doch für mich hatten nach vier intensiven Tagen Müdigkeit und Glück längst eine Allianz geschlossen. Die Augen wollten nicht mehr offen bleiben, egal wie sehr der Kopf noch weiterfeiern wollte. Vielleicht ist genau dies das schönste Kompliment, dass man einem Festival machen kann. Wenn man am Ende völlig ausgepowert einschläft, mit rauer Stimme, schweren Beinen, staubigen Schuhen und einem Herzen, das trotzdem schon wieder Sehnsucht hat, dann wurde jede Minute ausgekostet. Denn am Ende sind es nicht nur die Headliner, nicht die Pyro, nicht einmal die Musik allein, es sind die Menschen, die Umarmungen, die Freundschaften, die Crew, die dieses kleine Wunder jedes Jahr möglich macht. Irgendwann gehen die letzten Lichter aus, die Gitarren verstummen, die Pavillons werden zusammengeklappt, doch das Gefühl bleibt. Denn das ROCKHARZ nimmt man nicht einfach als Erinnerung mit. Man trägt es weiter in Gesprächen, in Fotos, in Songs die plötzlich wieder laufen und in Freundschaften die auf diesem Acker entstanden sind.
Vielleicht ist genau das die größte Magie dieses Festivals, dass für vier Tage alles ein bisschen einfacher wird. Ein Nicken, ein gemeinsamer Song reicht. Ein „Bis nächstes Jahr“ klingt nicht wie ein Abschied, sondern wie ein Versprechen, denn Zuhause ist nicht immer der Ort, an dem man wohnt. Manchmal liegt Zuhause dort, wo Gitarren erklingen, Freunde warten und die Teufelsmauer im Hintergrund steht.
Und deshalb bleibt am Ende ein ganz besonderer Dank, der all jenen gilt, die dieses kleine Wunder jedes Jahr aufs Neue möglich machen. Den Organisatoren, der gesamten ROCKHARZ-Crew, den Helfern vor und hinter den Kulissen, den Partnern und allen Menschen im Umfeld, die mit Herzblut, Geduld und unzähligen Stunden Arbeit dafür sorgen, dass aus einem Festival ein Zuhause auf Zeit wird. Danke für die unkomplizierte Zusammenarbeit, die offenen Türen, die vielen kleinen Gesten und dafür, dass man sich vom ersten bis zum letzten Moment als Teil dieser großen Familie fühlen darf. Genau diese Menschen sind es, die aus vier Tagen Musik etwas machen, das weit darüber hinaus bleibt.
See you at the Devil’s Wall.
Text in Zusammenarbeit mit Diana Engelmann
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