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Haudegen – die letzten ihrer Art

Nostalgische Gossenpoeten in Erfurt

31.10.2012 [db]Vor dem ehemaligen Gewerkschaftshaus in Erfurt steht eine große Menschenmenge. Einzelne skandieren “Haudegen! Haudegen!“, stimmen Lieder an und pöbeln sich durch die Nacht. Wir warten auf den Einlassbeginn und ich fühle mich unglaublich unwohl. Ich hoffe, dass die Band nicht hält, was die Fans versprechen. Denn während drinnen die Rufe “Was sind wir? Haudegen!“ weitergehen, missachten einige im Zuschauerraum gekonnt das Rauchverbot, bis die Securities einschreiten. Das könnte ein interessanter Abend werden.

Unter dem Banner von Flügel und Schwert haben sich einige hundert Haudegen-Fans im HsD versammelt. Stilecht mit Haudegen-Lederkutten, ähnlich einem Bikerclub, stehen sie in Grüppchen zusammen und stimmen sich auf den Abend ein. Supported werden Haudegen von Alex Diehl. Je weiter die Zeit voranschreitet, desto lauter werden die “Wir wollen den Alex sehen!“-Rufe. Kurz nach halb neun steht der kräftige Hüne auf der Bühne. Ein Mann mit seiner Gitarre und einer Stimme, die mal sanft und mal röhrend daherkommt. Er scheint kein Unbekannter zu sein, denn erstaunlich viele singen schon beim ersten Song mit. Nach vier Liedern hallt bereits der Wunsch nach Zugabe von den Wänden. Aber: Lieber Alex Diehl, nach jedem Song auf die facebook-Seite verweisen hat was von kommunikativer Diarrhoe. Einmal darauf aufmerksam machen reicht. Für den Rest gibt es den Merchstand. Danke.

Diehl scheint mit seinen Songs vielen aus dem Herzen zu sprechen – Träume, Schmerz, Rückschläge und  am Ende aufrecht stehen und gehen. Nach einer knappen halben Stunde ist der singende Riese fertig mit dem Warm Up, hat mit Sicherheit neue Fans dazugewonnen (auch ohne facebook) und bravourös die Bühne für die zwei Pfundskerle geebnet, die nach kurzem Umbau folgen werden. Ich habe mir derweil den Hintern an den verdammt heißen Heizkörpern verbrannt. Ich wär dann auch soweit.

Enttäuscht stelle ich auch in der Pause fest, dass – trotz Verbot – fleißig weitergeraucht wird. Manche bekleckern sich hier echt nicht mit Ruhm. Verdammt schade. Ich sehe diebeiden Berliner Musiker zum ersten Mal live und ihre Fans versauen mir den Eindruck.Der musikalische Stil der Band, ihr Werdegang, der Hang zum gestochenen Körperkult,ziehen ein breites Spektrum an Zuschauern an. Junggebliebene Rockabillies, Hard Core-Fans, Rocker, leider Gottes auch Besucher, die sich allzu leicht als tendenziell rechts bestimmen lassen. Doch sie verhalten sich unauffällig. Kaum wahrnehmbar zwischen vereinzelt torkelnden Gestalten, von denen man annehmen kann, dass sie das Konzert kaum mehr als durch einen Schleier wahrnehmen werden. Da scheint das Vorglühen von Erfolg gekrönt zu sein. Und dann entdecke ich dunkelhäutige Besucher und verwerfe für mich das Onkelz-lastige Gerede um das Duo. Als nach dem wohl längsten Intro der Welt der weiße Vorhang fällt und Hagen Stoll und Sven Gillert mit ihrer Liveband loslegen, weiß ich: das ist „nur“ eine Rockband. Nicht mehr und nicht weniger. Und dann wackelt der Typ neben mir sachte der Hüfte im Takt zu „Leuchtturm“, im Publikum gehen Wunderkerzen an und die Hälfte der Anwesenden hat selig strahlend die Handykamera gezückt. Stimmlich ein wenig angeschlagen bitten die Haudegen mit Berliner Schnauze um Publikumsbeteiligung. Bekommen sie. Hier scheint jeder, wirklich jeder, textsicher zu sein. Und die Jungs, die völlig frei von Taktgefühl, neben ihrer Freundin tanzen, zappeln, springen, sind ein göttlicher Anblick. Schon beim dritten Song “Zwei für alle“ wird kollektiv freigedreht. Von da an den ganzen Abend lang.

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